Conrad Grafs Bedeutung für den Klavierbau der Beethoven-Zeit
Zu den meistbestaunten Ausstellungsstücken im Bonner Beethoven-Haus gehört ein Hammerflügel. Auf seiner Dämpferleiste steht der Name eines seiner Vorbesitzer, kein geringerer als Beethoven, auf dem Firmenschild oberhalb der Klaviatur der Name seines Erbauers: "Conrad Graf Kaiserlich Königlicher Hof-Fortepianomacher in Wien". Es hatte gute Gründe, dass Beethoven gerade ein Instrument von Graf besaß. Dieser gehörte zu der Handvoll führender Klavierbauer in Wien. Um 1810 gab es dort mehr als 150 selbständige Klavierbau-werkstätten. Der Klavierbau war damals so innovativ wie heute die Computertechnologie. Das Klavier hatte sich im Laufe der zurückliegenden 50 Jahre in der Orchester- und Kammermusik vom Generalbaßinstrument mit reiner Begleit- bzw. Stützfunktion zum dominanten Instrument bei kammermusikalischen Besetzungen und zum Soloinstrument mit großem Repertoire emanzipiert.
Dies setzte Innovationen im Instrumentenbau voraus bzw. zog diese nach sich. Graf steht für hohe handwerkliche Qualität wie auch für große Geschäftstüchtigkeit – sowohl was die Produktion selbst als auch deren europaweite Vermarktung anlangt. Andererseits war er stets neugierig, studierte etwa die Vorzüge französischer und englischer Klaviere. Seine zwischen 1815 und 1835 gebauten Instrumente werden heute von vielen Restauratoren und Fortepianisten als Höhepunkt der Klavierbaukunst schlechthin angesehen. Graf verdankte seinen Ruf vor allem folgenden im Jahre 1836 formulierten Errungenschaften, die stets die Stärke, Deutlichkeit und Wandlungsfähigkeit des Tons sowie eine leichte Spielbarkeit betrafen: Nach einem vorübergehenden Versuch mit vierchörigen Instrumenten entwickelte er „Klaviere mit dreien, jedoch stärkeren Saiten für jede Taste, einer dieser stärkeren Besaitung entsprechenden Größe und Gestalt der Instrumente, und zweckmäßigen inneren Verbauung des Korpus; ferner mit einer früher nicht vorgekommenen Form und Belederungsart der Hammerköpfe, durch welche das Hervorbringen aller Nuancen und Schattirungen des Tones ohne Hilfe der Mutationen [=Pedale] möglich wurde, und endlich mit Stahlstiften auf den Stegen, welche den entstehenden Tönen einen eigenthümlichen Charakter ertheilten.“ Vergleicht man einen modernen Steinway-Flügel – in unseren Tagen qualitativ das Pendant zu einem Graf-Flügel – mit einem Produkt derselben Firma, das 20 oder 50 Jahre alt ist, so wird man feststellen, dass sich beide Instrumente kaum unterscheiden. Die fabrikmäßige Herstellung des modernen Flügels hat zu höchster Fertigungsqualität, aber auch zu nahezu vollständiger Uniformierung geführt. Zudem gab es in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts kaum einen Reflex von der neuesten Klaviermusik auf den Instrumentenbau.
Zu Grafs Lebzeiten war dies völlig anders. Das Wechselspiel zwischen Komponisten, Pianisten und Klavierbauern war intensiv und fruchtbar. Grafs Interesse an neuester Musik ist u.a. dadurch dokumentiert, dass er die Originalhandschrift von Beethovens Klaviersonate e-Moll op. 90 besaß. Als Graf mit dem Klavierbau begann, waren leicht gebaute Instrumente mit einem Tastenumfang von 5 (60 Töne) bis 5 ½ Oktaven, einem Dämpfermechanismus, den man mit einem Kniehebel bediente, und einem obertonreichen, aber vergleichsweise dünnen Klang der gängige Klaviertypus. 20 Jahre später waren die Instrumente wesentlich schwerer gebaut, hatten einen Tastenumfang von 6 oder 6 1/2 Oktaven (78 Töne), zwei, drei, vier, fünf, ja manchmal bis zu sechs Pedale, mittels derer es möglich war, den Klang zu verändern. Stärkere Saiten mit höherer Spannung setzten eine stabilere Rahmenkonstruktion voraus, ermöglichten aber einen wesentlich kräftigeren Klang, der im Zuge der Ausprägung eines bürgerlichen Konzertlebens gefragt war, um auch große Konzertsäle klanglich zu füllen. Hinzu kamen jene Anforderungen an das Klavier, das in Zeiten ohne Radio, CD und einer Fülle von Orchestern nicht zuletzt auch als Orchester- und Konzertersatz diente. Über Klavierauszüge wurden Opern, Symphonien und Oratorien der häuslichen Musikpflege erschlossen. Auf dem Klavier wurde also nicht nur die genuine Klaviermusik, sondern das gesamte zeitgenössische Repertoire gespielt.
Das für die vorliegende Einspielung verwendete Instrument aus dem Jahre 1824 verfügt über den großen Tonumfang und über vier Pedale: Die Verschiebung (due chorde, der Hammer schlägt nur zwei statt drei Saiten an, der Klang wird ausgedünnt), Fagott (ein gebogener Pergamentstreifen wird auf die Saiten im Bassbereich gedrückt, was einen schnarrenden Ton ergibt, als Instrumentalimitator für das Spiel von Orchestermusik aus Klavierauszügen sehr gefragt), Moderator (ein Filsstreifen wird zwischen Hammer und Saite geschoben und dämpft den Klang) und Dämpfung. Lediglich das letztgenannte Pedal hat beim modernen Instrument einen Effekt, der dem damaligen entspricht.
Michael Ladenburger, Bonn nach oben
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